Nadelgehölze im Naturgarten

Nadelgehölze im Naturgarten

In den letzten Jahren fand im Naturgarten eine regelrechte Verteufelung von Koniferen (Nadelgehölzen) statt. Fichtenmonokulturen, die Tatsache, dass diese Gehölzgruppe nicht auf die Bestäubung von Insekten angewiesen ist, ihr Holz sich nicht für künstliche Nisthilfen eignet und die selbstdarstellende Verwendung von teuren kleinwüchsigen Ziersorten und aufwändig gepflegten Heckenelementen in sterilen Hausgärten, hat sich bei der naturbewussten Gärtnerschaft negativ eingeprägt. Somit entstand eine pauschale Antihaltung gegenüber Nadelgehölzen.

Aber sind Tanne, Eibe, Fichte, Lärche und Kiefer aus ökologischer Sicht wirklich so unnütz? Sie sind in der Tat nicht aus Plastik!

Eine Lärche in ihrem goldenen Kleid, Quelle: Pixabay

Gespinstblattwespen, Harzbienen und Tannenpfeil lieben Nadelgehölze

Gespinstblattwespe (Acantholyda hieroglyphica)

Alljährlich beobachte ich die leuchtend rotgelbe Kiefernkultur-Gespinstblattwespe (Acantholyda hieroglyphica) bei ihrem hektischen Treiben auf der kleinen Berg-Kiefer (Pinus mugo).

Kurz nachdem das Weibchen ihre Eier an den Jungtrieben abgelegt hat, schlüpfen die gefrässigen Larven und machen sich über die frischen Nadeln her. Dieses rege Geschehen lockt hungrige Meisen und Spatzen, die sich über die proteinreichen Happen freuen. In der Forstwirtschaft gilt die Art als Schädling, aber ich selbst sehe sie als eine ganzheitliche Bereicherung im naturnahen Garten. Des Weiteren ist die Kiefernkultur-Gespinstblattwespe auch aus gärtnerischer Sicht eine Unterstützung. So verjüngt sie die Berg-Kiefer durch den Frass und sorgt für einen kompakteren Wuchs.

Kleine Harzbiene (Anthidium strigatum)

Die Kleine Harzbiene (Anthidium strigatum) profitiert ebenfalls durch vorhandene Koniferen. Das Baumharz von Kiefern und Fichten wird von den Weibchen zum Bau der Zellen und Verschluss der Nester verwendet. Die sogenannten Freinester werden gut getarnt an Felsen, Baumstämmen, Zweigen und Stängel geklebt. Bei der Pollenwahl bevorzugt die Art Schmetterlingsblütler (Fabaceae), besonders Gewöhnlichen Hornklee (Lotus corniculatus), ist jedoch unspezialisiert (polylektisch).

Männchen der Kleinen Harzbiene (Anthidium strigatum syn. Anthidiellum strigatum) auf einer Saat-Esparsette (Onobrychis viciifolia); hier stehen die Chancen gut, auf Weibchen zu treffen, welche bevorzugt Pollen von Schmetterlingsblütlern (Fabaceae) sammeln. Seid geduldig beim Beobachten! Bildquelle: © André Rey

Tannenpfeil oder Kiefernschwärmer (Sphinx pinastri)

Der Tannenpfeil oder auch Kiefernschwärmer (Sphinx pinastri) genannt, kann im adulten Stadium eine Flügelspannweite zwischen 70 und 90 mm erreichen und ist daher eine stattliche Erscheinung. Die Raupe dieser nachtaktiven Schmetterlingsart ernährt sich von verschiedensten Nadelgehölzen. Insbesondere werden (wie der Name schon sagt) Kiefern (Pinus) ihrem frischen Nadelkleid beraubt. Darüber hinaus werden jedoch auch die Gewöhnliche Fichte (Picea abies), Zedern (Cedrus) und Lärchen (Larix) als Säuglingsbuffet genutzt. Hierbei beschränkt sich die Art keinesfalls auf heimische Nadelbäume. Wenn dann in der Nähe eines Nadelgehölzes noch nachtblühende und duftende Gewächse wie Echtes Seifenkraut (Saponaria officinalis), Nachtkerzen (Oenothera) und z.B. Acker-Lichtnelke (Silene noctiflora) gedeihen, freuen sich auch die nektarsuchenden adulten Tiere.

Kreuzschnäbel (Loxia) und Tannenmeise (Periparus ater)

Durch ihre Akustik machen sich diverse Vogelarten aufgrund der Präsenz von Nadelgehölzen im Garten bemerkbar. Denn für die Kreuzschnäbel (Loxia) und die Tannenmeise (Periparus ater) gehören die Samen diverser Nadelbäume zur bevorzugten Futterquelle und deren schutzbringendes Nadelkleid wird von Kreuzschnäbeln als Kinderstube genutzt. Eine solche Brutstätte wird des Öfteren zweimal in einem Jahr hoch oben in Fichten (Picea) errichtet und man sollte sich wirklich überlegen wie sinnvoll es ist, zur Motorsäge zu greifen und einen solchen Lebensraum in einen Magerstandort zu verwandeln.

Säureliebende Stauden wachsen hervorragend unter Nadelgehölzen

Ich bin der Meinung, das Nadelbäume sehr wohl einen Platz im naturnahen Garten verdienen und ihn optisch und zugleich ökologisch bereichern.

Eine ältere Wald-Kiefer (Pinus sylvestris), schafft durch ihre locker aufgebauten Aststockwerke einzigartige Lichtverhältnisse für Stauden und Sträucher, welche am Fuss des Baumes gedeihen können. Obendrein wird der pH-Wert des Bodens durch die natürliche und kontinuierliche Zufuhr von Nadelstreu für säureliebende Pflanzenarten geregelt. Diesen Lebensbereich kann man ohne grossen Aufwand mit prädestinierten Gewächsen bestücken und somit aufwerten.

Die Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus), das Leberblümchen (Hepatica nobilis), Edel-Gamander (Teucrium chamaedrys), Schopfiger Hufeisenklee (Hippocrepis comosa), Maiglöckchen (Convallaria majalis), Berg-Aster (Aster amellus), Pfingstrosen (Paeonia) und Alpenveilchen-Arten (Cyclamen) fühlen sich als krautige Pflanzen pudelwohl unter Föhren und ähnlichen Nadelbäumen. Zu den Gehölzen gehören auch diverse Heidekrautgewächse (Ericaceae), wie beispielsweise die Besenheide (Calluna vulgaris), Schneeheide (Erica carnea), Heidelbeeren (Vaccinium), aber auch echte Hingucker wie Rhododendron (Wild -und Kulturformen) und Prachtglocken (Enkianthus). Zudem wachsen Ginster-Arten (Cytisus und Genista) gerne unter diesen Bedingungen.

Wenn also im Hausgarten die Platzverhältnisse für ein „Moorbeet“ oder Heidegarten fehlen, jedoch Kiefern und z.B. Lärchen wachsen, kann man diese Gegebenheiten optimal nutzen.

Pfingstrosen (Paeonia) strahlen in einem L(M)ärchenwald in der Mongolei, Quelle: Pixabay

Lauschige Miniatur-Waldgesellschaften in den Garten holen

Bei der Pflanzenwahl von Standorten in unmittelbarer Nähe und unterhalb von Fichten (Picea) und Tannen (Abies), welche oft feuchter und schattiger sind wie bei den Kiefern, empfiehlt sich ein genauer Blick in unsere mittelländischen Forstgebiete und alpinen Waldgesellschaften. Nachhaltig bewirtschaftete Tannen-Fichten- (Abieti-Piceion) oder Tannen-Buchenwälder (Abieti-Fagenion) sind zwar artenärmer als einige andere Waldgesellschaften, jedoch finden sich gerade hier geeignete krautige Gewächse für den entsprechenden Standort im Garten.

Als pflegeleichte und robuste Wesen bewähren sich diesbezüglich Taubnesseln (Lamium galeobdolon & maculatum), Ehrenpreise wie der Echte Ehrenpreis (Veronica officinalis), der Nesselblättrige Ehrenpreis (Veronica urticifolia), Quirlblättriges Salomonssiegel (Polygonatum verticillatum), Rote Lichtnelke (Silene dioica), Nesselblättrige Glockenblume (Campanula trachelium), Wald-Geissbart (Aruncus dioicus), Hohler Lerchensporn (Corydalis cava), Wald-Storchschnabel (Geranium sylvaticum), Echter Wurmfarn (Dryopteris filix-mas), Weisse Pestwurz (Petasites albus), Wald-Ziest (Stachys sylvatica) und Gewöhnliche Goldrute (Solidago virgaurea).

Ergänzend zu den heimischen Wildpflanzen schmücken Kaukasus-Beinwell (Symphytum grandiflorum), Rauling (Trachystemon orientalis), Tränendes Herz (Lamprocapnos spectabilis), Japanische Taubnessel (Meehania urticifolia), Rote Kerzenspiere (Astilbe chinensis var. taquetii), Kaukasus-Vergissmeinnicht (Brunnera macrophylla) und die Oktober-Silberkerze (Cimicifuga simplex ‚Atropurpurea‘) einen solchen Standort.

Es ist also möglich, aufgrund gewisser Gegebenheiten lauschige Miniatur-Waldgesellschaften in unsere Gärten zu holen. Mit der Fantasie und der Bewunderung eines Kindes, eingetaucht in unscheinbare Welten, vermag man im Kleinen Grosses zu bewirken.

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Sebastian Wagener

Gärtner, Pflanzplaner & Berater, Naturmensch, Enfant terrible, Autor

8 Comments

  1. Interessant! Fichten – die mag ich nicht sonderlich, dafür aber Lärchen! Wir haben im externen Garten eine große Fichte, dann werde ich im Frühjahr mal bisschen was darunter setzen.

    • Die im Beitrag genannten Arten machen sich bestimmt gut unter der grossen Fichte.

      Des Weiteren kommen auch diverse Veilchen, z.B. Viola odorata und reichenbachiana, Phyteuma spicatum, Cardamine pentaphyllos, Geranium nodosum, Prenanthes purpurea, Daphne mezereum und Lathyrus vernus in Frage. Als unglaublich robust an solchen Standorten, haben sich unter anderem Teucrium hircanicum und Phlomis russeliana gezeigt.

      Viel Erfolg, liebe Cordula!

  2. Danke, für diesen Bericht. Ich habe es in letzter Zeit oft erlebt, dass große gesunde Nadelbäume gefällt wurden, mehrfach mit dem Argument sie hätten eh keinen Nutzen für die Natur.

    • Sehr schade! Gerade solche Erfahrungen haben mich dazu bewegt den Beitrag zu verfassen. Deswegen muss man das grosse Ganze berücksichtigen. Magere Ruderalflächen und Wildbienen sollte man fördern, jedoch gibt es auch Arten die sich über Nadelbäume freuen. Unterschiedlichste Lebensbereiche im Garten zu vernetzen und gestalten, gibt nicht nur ökologisch was her, sondern erfreut auch das Auge.

      Ich hoffe mein Text regt zum Umdenken an.

  3. Danke für die Anregungen!
    Könnte Sie bitte Ihr Wissen über Baumkrankheiten weitergeben? Eine fußballgroße Krause Glucke am Fuß einer Hamlocktanne, dazu noch viele Löcher von Spechten. Handelt es sich hierbei um bedrohliche Anzeichen?
    Dankeswhr und viele Grüße!

    • Sehr gerne!
      Wenn es sich wirklich um die Krause Glucke handelt, dann guten Appetit! 🙂
      Die Sporen der Krausen Glucke dringen an Verletzungen im Wurzel und am Stammbereich ein und der Pilz wächst ins Kernholz. Die dadurch entstehende Braunfäule schädigt den Wirt. In den meisten Fällen werden Nadelbäume mit Vorgeschichten befallen. Die parasitäre Form des Pilzes trägt nur auf natürliche Weise dazu bei den Prozess vom Absterben zu beschleunigen. Wie lange es dauert bis die Hemlocktanne abstirbt ist auch von anderen Faktoren abhängig. Wie Temperatur, Feuchtigkeit, zusätzliche „Schädlinge“ usw. Manche Gehölze spriessen auch Jahrzehnte nach einem Befall noch. Dann sind sie oft halbseitig abgestorben, weisen jedoch noch intakte Leitbahnen auf.
      Aus Ihrer Schilderung (mit dem Specht) geht hervor, dass sich die Tsuga bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befindet. D.h. der Baum verwandelt sich langsam in ein ökologisch unheimlich wertvolles Totholzelement. Er dient somit Vögeln, Spinnen, Insekten, Pilzen und Kleinsäugern als Buffet und Lebensraum.

      Liebe Grüsse

  4. ich mulche regelmäßig unter meinen fichten am grundstücksrand, hauptsächlich mit laub, aber auch mit grasschnitt, staudenschnitt etc. so können sich samen dort leichter ansiedeln. nach ca. 2 jahren kann man auch schon direkt etwas in den mulch pflanzen.
    ach ja: da wären natürlich auch noch die mit den fichten verbandelten schwammerl, die sich unter dem mulch wohlfühlen!

    • Genau! Die diversen Mykorrhiza-Pilze welche auf Nadelgehölze spezialisiert sind, sollte man auch fördern. Wenn Fichten-Steinpilze im Garten wachsen, macht man definitiv was richtig :).
      Und die Mulchschicht unter den Fichten dient zusätzlich als Lebensraum für Insekten, Mikroorganismen, Spinnentiere und Würmern. Sehr gut!

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