Mut zur Unordnung!

Mut zur Unordnung!

Viele Leute bewundern im Urlaub reich strukturierte Kulturlandschaften in fernen Gefilden, schwärmen von Dolcefarniente und staunen über ungezähmte Naturgebiete. Was macht den Reiz des Wildromantischen aus? Und wieso tun wir uns so schwer, etwas mehr wilde Romatik in unseren Alltag und die unmittelbare Umgebung einfliessen zu lassen, im Garten zum Beispiel?

Denn wild sehen die meisten Gärten ganz und gar nicht aus und Romantik verkommt in ihnen bestenfalls zur billigen Staffage. Dabei wäre es ganz simpel, sich im Garten etwas mehr Lebensqualität und der Natur mehr Lebensraum zu gönnen. Indem wir einfach etwas weniger ordentlich sind, Mut zum Experiment beweisen oder gar ein bisschen vermeintliches Chaos zulassen!

Wildromantisch unordentlicher Garten, attraktiv für Mensch und Tier. © Dani Pelagatti

Selbstverständlich ist damit nicht gemeint, im Garten bloss noch die Füsse hochzulagern, sich um nichts mehr zu kümmern und überall seinen Müll liegen zu lassen. Unordentlichkeit darf hier nicht mit Faulheit verwechselt werden! Stattdessen sollten wir unsere Gewohnheiten hinterfragen und uns bewusst werden, welche Folgen diese für die Natur haben können.

Verblühtes

Im ordentlichen Garten wird Verblühtes abgeschnitten und Verwelktes weggezupft. Ist dies wirklich nötig? Weshalb lassen wir die Blumen nicht fruchten? Der Reiz einer Blume endet nicht mit deren Verblühen, auch Samenstände und die gesamte Pflanzenerscheinung haben noch viel mehr zu bieten, auch im dürren Zustand, bis weit in den Winter hinein. Oft hört man das Argument, dass durch die Samenbildung die Pflanzen geschwächt werden. In der Realität lassen sich diesbezüglich aber kaum Einbussen feststellen. Und falls doch, ermöglicht man den Pflanzen durch die Aussaat des frischen Saatguts eine Verjüngung des Bestands. Es gibt auch sogenannte monokarpe Arten, die nur ein einziges Mal fruchten und danach absterben. Hier ist man sowieso auf Samenbildung angewiesen, um die Pflanze weiterhin im Garten zu erhalten.

Selbstaussaat

Wer seine Gartenpflanzen nicht vorzeitig zurückschneidet und stattdessen zur Samenreife kommen lässt, hat ausserdem die Chance, von deren Selbstaussaat zu profitieren. So erlauben wir den Pflanzen, sich die Stellen selber auszusuchen, die ihnen am besten gefallen. Selbstverständlich darf man regulierend eingreifen und störende Sämlinge entfernen, was aber eine gewisse Artenkenntnis voraussetzt. Das Kennenlernen der Arten bereits im Keimlings- oder Jungpflanzenstadium ist eine schöne Herausforderung, schult das Auge und stärkt den Bezug zur Flora. Und die Überraschungen, die einem die Selbstaussaat beschert, sorgen meistens für überzeugende Pflanzenkombinationen, können verblüffend wirkungsvoll sein und fördern die Kreativität.

Durch Zufall und Selbstaussaat entstandene Pflanzenkombination im Garten: Rote Spornblume (Centranthus ruber), Palisaden-Wolsmilch (Euphorbia characias ssp. wulfenii) und Lauch-Scheibenschötchen (Peltaria alliacea).
© Dani Pelagatti
Diese kapitalen Eselsdisteln (Onopordum acanthium) haben durch Selbstaussaat ihren Platz im Garten gefunden. Besser hätte man sie nicht in Szene setzen können!
© Dani Pelagatti

Staudenschnitt und Falllaub

Im Herbst werden die Gärten landläufig winterfest gemacht, was zur Folge hat, dass spätestens jetzt alle Stauden bodeneben abgeschnitten werden. Auch das Falllaub wird penibel entfernt, am liebsten mit einem nervtötenden Laubbläser. Massnahmen, die man getrost bleiben lassen kann. Nehmen wir uns die Natur als Beispiel: Hier werden vor dem Winter keine dürren Stängel abgeschnitten und das Herbstlaub bleibt am Boden liegen. Es gibt natürlich auch Ausnahmen im Garten. Bereiche, in denen v.a. Ein- oder Zweijährige wachsen, sollten besser nicht unter einer dicken Laubschicht verschwinden und Stängel, die zu schwach sind und unter der Schneelast kollabieren, können stellenweise entfernt werden. Vereinfacht kann die Faustregel angewendet werden, dass alles, was stabil genug ist, dem Winter standzuhalten, bis ins Frühjahr stehen bleiben darf. Die dürren Stängel und Samenstände sehen nicht nur dekorativ aus, sie bieten auch Vögeln und Nagetieren Futter und allerlei Kleingetier findet hier sein Winterquartier. Auch im Laubteppich überwintern viele winzige Gartengäste und gleichzeitig bildet er einen schützenden Belag, der sich mit der Zeit zu wertvollem Humus zersetzt.

Fallobst

Wer Obstbäume im Garten hat, muss nicht darauf erpicht sein, alle Früchte zu ernten und zu verwerten. Gönnen wir doch anderen Gartenlebewesen auch einen Teil der Ernte und lassen etwas Fallobst liegen. Man wird erstaunt sein, wie beliebt die überreifen Früchte bei einigen spät fliegenden Schmetterlingen sind. Amseln und Drosseln dienen alte Äpfel als willkommenes Winterfutter.

C-Falter (Polygonia c-album) und Admiral (Vanessa atalanta) auf Fallobst.
© Entomologie/Botanik, ETH Zürich / Fotograf: Albert Krebs 

Totholz

Stirbt ein Baum ab oder fällt Astschnitt an, empfiehlt es sich, das Material vor Ort der Natur zur Verfügung zu stellen, statt es zu verbrennen oder anderweitig zu entsorgen. Totholz in allen Grössen und Zersetzungsstadien ist ein nicht zu unterschätzendes Strukturelement in der Natur. Ob als Kinderstube für zahlreiche Insekten, Unterschlupf für Igel, Wiesel und Amphibien, Sonnendeck für Eidechsen, Nistplatz für Zaunkönige oder Baustoff für Hornissen, zu Haufen aufgeschichtete Äste fördern die Biodiversität enorm. Fast in jedem Garten liesse sich solch ein lebensspendender Asthaufen integrieren.

Asthaufen im Garten. © Dani Pelagatti
Hornisse (Vespa crabro) beim Abnagen von Material für den Nestbau.
© Dani Pelagatti

Unkraut

Toleranz gegenüber spontan auftauchenden Pflanzen kann nicht schaden. Wie bei der Selbstaussaat von Gartenblumen ist auch hier mit spannenden Überraschungen zu rechnen. Solange Unkräuter (oder euphemistisch: Beikräuter) nicht überhand nehmen, können sie durchaus eine Bereicherung unserer Beete sein. Selbst hartnäckige Arten, wie Giersch oder Brennnessel können mit etwas Geschick in eine Pflanzung integriert werden und belohnen uns mit ökologischem Mehrwert. Und auch kulinarisch haben sie etwas zu bieten, wie manche andere Unkräuter auch.

Manchmal verschwimmen die Grenzen zwischen Unkraut und Zierpflanze… En masse versamte Wilde Stiefmütterchen (Viola tricolor)!
© Dani Pelagatti

Wege

Es muss nicht jeder Weg im Garten fein säuberlich gepflastert, gekiest oder gar geteert sein. Auch gemähte Wege oder ganz einfach Trampelpfade haben ihren Reiz und bieten trittverträglichen Pflanzen, wie Breitwegerich (Plantago media) und Vogelknöterich (Polygonum aviculare) Lebensraum. An kahlen Stellen im durch das Begehen verdichteten Boden graben manche Sandbienen (Andrena) und andere Hautflügler ihre Nester. Falls Passanten versehentlich auf die Nesteingänge treten, ist das nicht weiter tragisch, die Insekten graben sie kurzerhand wieder auf. Das kann auch in Pflasterritzen geschehen, in denen sich neben bodennistenden Insekten auch viele Pflanze niederlassen können. Auch hier lohnt sich in Randbereichen etwas Toleranz, ein blumengesäumter Wegrand ziert längst nicht alle Gärten.

Backsteinweg mit Sandfugen und vielfältigem Randbewuchs.
© Albert Krebs

Gemüse

Auch im Gemüsebeet eröffnen sich durch etwas Unordnung neue Welten. Lassen wir doch einfach mal einige Gemüsepflanzen stehen und warten ihre Blüte ab. Möhren, Salat, Lauch, Kohlgewächse etc. haben neben kulinarischen Qualitäten auch optisch einiges zu bieten. Und sind bei blütenbesuchenden Insekten sehr beliebt! Gegenüber Schädlingen können wir uns in Grossmut üben und ihnen einen kleinen Teil der Ernte überlassen. Natürlich, nimmersatte Wegschnecken machen auch der/dem tolerantesten Gärtner*in keine Freude, aber einzelne Kohlpflanzen den Raupen des Kohlweisslings zu spenden und für den Schwalbenschwanz etwas Fenchel zu opfern, dürfte wohl zu verkraften sein.

Raupen des Kleinen Kohlweisslings (Pieris rapae) auf Blattkohl (Brassica oleracea).
© Dani Pelagatti

Rasen

Rasenflächen gehören fast schon zur Standardausstattung unserer Gärten. Aber auch hier lohnt es sich, über deren Sinn nachzudenken. Als Gestaltungselement können kurz gemähte Bereiche durchaus ihre Berechtigung im Garten haben, auch als Spielplatz für tollende Kinder oder Liegewiese für Sonnenanbetende. Aber als fantasieloses Abstandsgrün ist Rasen reine Platzverschwendung. Wenn er dann auch noch mit Gift, Kunstdünger, Bewässerung und Mähroboter in Form gehalten wird, muss man sich wirklich überlegen, welchen Idealen man dabei folgt. Dulden wir stattdessen doch einfach die schnittverträglichen Blumen im Rasen und freuen uns an Kriechendem Günsel (Ajuga reptans), Gänseblümchen (Bellis perennis) und Weissklee (Trifolium repens)! Und wie wäre es, zumindest einen Teil der Rasenfläche in eine Blumenwiese umzuwandeln, die mit wenigen Schnitten im Jahr auskommt?

Blütenreicher Halbtrockenrasen.
© Albert Krebs

Kompost

In jedem Garten fällt Biomasse an, die es irgendwie zu entsorgen gilt. Sei dies Rasenschnitt, die Beute nach dem Jäten, zusammengekehrtes Herbstlaub oder dürre Stängel nach dem Winter. Am ökologischsten ist es, durch Kompostieren all dieses Material gleich im Garten wieder dem natürlichen Kreislauf zuzufügen. Wie man einen Kompost nach allen Regeln der Kunst bewirtschaftet, kann man vielerorts nachlesen und in Kursen lernen, aber auch hier darf man unordentlich sein und kann das Grüngut ganz einfach zu Verrottungshaufen aufschichten und diese dann den vielen kleinen Helfern der Natur überlassen. Auch aus diesen „extensiven Komposthaufen“ kann bei Bedarf nach einer Weile frische Erde entnommen werden. Ansonsten lässt man sie einfach in Ruhe und reichert sie immer wieder mit neuem Material an. In solchen Haufen wimmelt es von Leben, sie sind Kinderstuben von Blindschleichen, Ringelnattern und Spitzmäusen und Winterquartier für jede Menge Kleingetier.

Junge Blindschleiche (Anguis fragilis), bei Arbeiten am Kompost entdeckt.
© Dani Pelagatti

Schottergärten

Die mehr oder weniger fantasielosen, aus Steinschüttungen bestehenden und oftmals mit fragwürdigen Dekoelementen angereicherten Gartensurrogate sind in letzter Zeit vor allem in deutschen Landen sehr in Mode gekommen und haben inzwischen auch als „Gärten des Grauens“ eine gewisse Berühmtheit erlangt. In ihnen gipfelt die moderne Ignoranz und Arroganz gegenüber den Wundern der Natur und sie sind ein Tiefpunkt in der Geschichte der Gartenkultur. Zwar finden auch hier noch einige, auf steinige und unbewachsen Standorte spezialisierte Arten einen Lebensraum, aber als Ganzes wirken solche Flächen nicht besonders lebensfreundlich. Steinige Bereiche können aber durchaus einer Vielzahl an Pflanze und Tieren dienen, wenn sie entsprechend angelegt und gepflegt werden. So findet auf lückig bewachsenen, sonnig ausgerichteten Kies- und Steinflächen manche wärmeliebende Art ein Zuhause.

Lebensraum für Mensch, Tier und Pflanze

Gärten auf möblierte Aussenräume zu reduzieren, die man mit mehr oder weniger grossem Aufwand sauber und adrett hält, damit sich die Nachbar*innen keine falschen Gedanken machen, sind eine verpasste Chance. Der Mikrokosmos Garten hat mehr zu bieten, kann deutlich vielschichtiger sein und so manche Bedürfnisse erfüllen. Vergessen wir nicht, dass er immer ein Hort des Lebens war, dem Wohle des Menschen dient, aber gleichzeitig auch sehr viele Mitlebewesen beherbergen kann. Es soll uns ein Vergnügen und eine Ehre sein, mit ihnen ein Fleckchen Erde zu teilen. Ein bisschen weniger auf- und wegräumen im Garten und mit offenen Augen unvoreingenommen die Veränderungen wahrnehmen, damit ist ein wichtiger erster Schritt in eine lebensfreundliche Gartenzukunft getan!

Gartenglück! © Sander Kunz
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Dani Pelagatti

Wissenschaftlicher Illustrator und Spezialist für lebendige Gärten, mit Blick fürs Detail und Freude am vielfältigen Ganzen

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