Wohnungsnot bei Stängelnistern

Wohnungsnot bei Stängelnistern

Unter den zahlreichen heimischen Wildbienen- und Wespenarten sind einige für den Nestbau auf dürre, markhaltige Stängel angewiesen. Diese Strukturen sind in unserer aus- und aufgeräumten Landschaft zunehmends seltener zu finden. Wo lässt man denn z.B. noch abgestorbene Königskerzen über Jahre stehen? Selbst in Naturschutzgebieten fallen solche Nistmöglichkeiten meistens den Pflegemassnahmen zum Opfer. Mit der Folge, dass die darauf spezialisierten Insekten Mühe haben, geeignete Brutstätten zu finden.

Im Garten können wir ihnen ohne grossen Aufwand Hilfe leisten, indem gekappte trockene Stängel, die mit Mark gefüllt sind, an sonnigen Stellen einzeln und mehr oder weniger senkrecht angebracht werden. Man kann sie z.B. an einen Zaun binden oder an einem Pfahl befestigen, in einen Lochziegel stecken oder ganz einfach in den Boden rammen. Waagrecht orientierte Stängel werden zwar von einigen Arten auch besiedelt, scheinen aber deutlich weniger attraktiv zu sein. Geeignete Stängel liefern u.a. Königskerzen (Verbascum), Kletten (Arctium), Kugeldisteln (Echinops) und Brombeeren (Rubus fruticosus). Je grösser der Durchmesser des Markkanals, desto besser. Wichtig ist, die Stängel mindestens ein Jahr stehen zu lassen, so dass die Insekten ihre Entwicklung vollziehen können. Ebenso sollte darauf geachtet werden, das Angebot immer wieder durch neue Stängel zu ergänzen oder verwitterte Stücke zu ersetzen.

Markhaltige Stängel in meinem Garten als Nisthilfen für darauf spezialisierte Bienen und Wespen. ©Dani Pelagatti

Man wird erstaunt sein, wie schnell diese angebotenen Nisthilfen von entsprechenden Spezialisten entdeckt werden. Nachfolgend eine Auswahl an zu erwartenden Arten:

Dreizahn-Mauerbiene (Hoplitis tridentata)

Ein Weibchen der Dreizahn-Mauerbiene beim Nestbau. ©Dani Pelagatti

Diese seltene Mauerbiene nagt ihren Nistgang bevorzugt in dicke, markhaltige Stängel. Falls das Mark nicht direkt von oben her zugänglich ist, beisst sie sich durch die Seitenwand einen Eingang. In den entstandenen Hohlraum werden nacheinander linear angeordnete Zellen angelegt, die mit einem Larvenproviant aus Pollen verschiedener Schmetterlingsblütler, z.B. Hornklee (Lotus corniculatus), Saat-Esparsette (Onobrychis viciifolia), Wald-Platterbse (Lathyrus sylvestris) oder Luzerne (Medicago sativa) versorgt werden, auf den jeweils ein Ei platziert wird. Die Zellzwischenwände und der Nestverschluss werden mit einem Mörtel aus zerkauten Blattpartikeln gebaut.

Wie bei allen Stängelnistern gilt auch bei der Dreizahn-Mauerbiene, die Stängel über Winter draussen zu lassen. Im folgenden Frühling schlüpft dann die nächste Generation. Oft gehen die jungen Bienen dabei wortwörtlich mit dem Kopf durch Wand, indem sie sich einen eigenen Ausgang nagen und kurios flötenartige Stängel zurücklassen.

Gewöhnliche Keulhornbiene (Ceratina cyanea)

Ein Keulhornbienenmännchen wartet am Nesteingang auf eine Paarungsgelegenheit
©Entomologie/Botanik, ETH Zürich / Fotograf: Albert Krebs

Die kleinen Keulhornbienen mit ihrem metallischen Glanz sind in unserer Bienenfauna die nächsten Verwandten der grossen Holzbienen (Xylocopa). Sie nagen auch in Stängeln kleineren Ausmasses ihre Nistgänge. Für die Versorgung der Zellen sind sie nicht auf eine spezielle Pflanzenfamilie oder -gattung beschränkt, sie besuchen eine Vielzahl von Blumen und sind deshalb in einem blütenreichen Garten gut aufgehoben. Wie ihre riesigen Verwandten überwintern auch sie als fertig entwickelte Bienen in den Nestern oder anderen hohlen Stängeln. Im Frühling fliegen sie dann aus, um sich zu paaren und den Kreislauf aufs Neue beginnen zu lassen.

Überwinternde Keulhornbienen in einem ausgenagten Brombeerstängel
©Entomologie/Botanik, ETH Zürich / Fotograf: Albert Krebs 

Gymnomerus laevipes

©Dani Pelagatti

Diese Faltenwespe ohne deutschen Namen ist regelmässig an Nisthilfen für Stängelbrüter anzutreffen. Man kann sie durch das Anschneiden von dürren Brombeerruten sehr leicht auch in der freien Wildbahn fördern. Diese Art besiedelt neben senkrechten gerne auch horizontal ausgerichtete Strukturen. In den in das Mark genagten Gang baut sie Zellen aus Lehm.

Im Gegensatz zu den Bienen versorgt diese Lehmwespe ihre Zellen aber nicht mit einem Pollenvorrat, sondern füllt sie mit durch einen Stich gelähmten Rüsselkäferlarven (Phytonomus), die sie zuvor an Schmetterlingsblütlern aufspürt. Diese dienen der Larve als lebende Konserven. Ist der Nahrungsvorrat aufgefressen, verpuppt sich die Larve und überwintert in diesem Stadium im Stängelinnern.

Ein Gymnomerus-Weibchen ist mit einer Rüsselkäferlarve am Nesteingang gelandet.
©Entomologie/Botanik, ETH Zürich / Fotograf: Albert Krebs 
Geöffnete Brutzelle. Ganz rechts erkennt man die rötliche Gymnomerus-Larve, links von ihr grünliche Rüsselkäferlarven als Futtervorrat.
©Entomologie/Botanik, ETH Zürich / Fotograf: Albert Krebs 

Wenn sich diese Faltenwespe im Garten ansiedelt, darf man auch mit dem Auftreten ihrer Brutparasiten rechnen. Auch sie haben hier Gastrecht und erfüllen ihre Rolle im Ökosystem. Zu den Gegenspielern von Gymnomerus zählt z.B. die Schlupfwespenart Xylophrurus augustus, deren Weibchen die Larven des Wirts orten, ihren Legebohrer gezielt ansetzen und mit ihm die harte Stängelwand und die Lehmschicht der Zelle durchdringen, um ein Ei ins gemachte Nest zu legen.

Ein Xylophrurus-Weibchen sticht seinen Legestachel in ein Nest von Gymnomerus laevipes
©Entomologie/Botanik, ETH Zürich / Fotograf: Albert Krebs 

Zu den allerschönsten Insekten im Naturgarten gehören die schillernden Goldwespen. Sie sind allesamt Parasitoide und legen ihre Eier in Nester anderer Wespen oder Bienen. Mehrere Goldwespenarten sind auf bestimmte Wirte spezialisiert, so auch Chrysis fasciata, deren Larven sich in den Nestern von Gymnomerus laevipes und wenigen anderen solitären Wespenarten entwickeln.

Die Goldwespe Chrysis fasciata am Nesteingang ihres Wirtes.
©Entomologie/Botanik, ETH Zürich / Fotograf: Albert Krebs 

Es lässt sich also bereits mit ein paar dürren Stängeln das Überleben einiger spezialiserter Insekten vereinfachen und so ein weiterer kleiner Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt im eigenen Garten leisten. Ausprobieren!

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Dani Pelagatti

Dani Pelagatti

Wissenschaftlicher Illustrator und Spezialist für lebendige Gärten, mit Blick fürs Detail und Freude am vielfältigen Ganzen

6 Comments

    • Hallo Barbara, schön, Dir auch hier zu begegnen 🙂
      Abgestorbene Königskerzen sind tatsächlich ideale Nistplätze für Stängelbrüter. Am besten die dürren Stängel abschneiden, den Samenstand entfernen und dann mit dem dickeren Ende nach oben als Nisthilfe anbieten. Man kann aber auch die Königskerze vor Ort stehen lassen und einfach den Samenstand kappen.
      Sonnige Standorte eignen sich am besten.
      Liebe Grüsse aus der Schweiz, Dani

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