Wie du dein Pflanzenverständnis fördern kannst

Wie du dein Pflanzenverständnis fördern kannst

Literaturstudien sind zweifellos eine wichtige Quelle für die Pflanzenverwendung und ihr Verständnis. In der Praxis zeigt sich jedoch immer wieder, dass lebendige «Systeme» wie Pflanzengemeinschaften oder (Garten-)Biotope nicht nach Schema F funktionieren. Die Pflanzenverwendung wird so zu einem Spiel mit Wahrscheinlichkeiten. Es ist deshalb von Vorteil, Pflanzen ganzheitlich zu betrachten und sich von starren Mustern zu lösen.

Viele Betrachtungsweisen von Pflanzen

Du hast dir in deinem Garten wahrscheinlich auch schon das eine oder andere Mal die folgende Frage gestellt: Passt diese Pflanze an diesen Standort? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Denn es gibt viele unterschiedliche Betrachtungsweisen des Pflanzenreichs.

Du kennst wahrscheinlich die klassische Pflanzensystematik von Carl von Linné, der bei seinen Einteilungen vor allem auf alle Unterschiede achtete (Species Plantarum, 1753). Vielleicht hast du auch schon von anderen Zuteilungen gehört, wie derjenigen von Johann Wolfgang von Goethe, welcher in seinen Pflanzenbetrachtungen das gemeinsam Wirkende in aller Formenviel­falt in den Vordergrund stellte (Versuch die Metamorphose der Pflanze zu erklären, 1790).

Goethe drückte dies unter anderem so aus: «Wenn ich an ein und demselben Pflanzen­stengel erst rundliche, dann eingekerbte, zu­letzt beinahe gefiederte Blätter entdeckte, die sich alsdann wieder zusammenzogen, vereinfachten, zu Schüppchen wurden und zuletzt gar verschwanden, da verlor ich den Mut, irgendwo einen Pfahl einzuschlagen oder wohl gar eine Grenzlinie zu ziehen». Goethe faszinierten gerade die Übergänge — und das nicht nur an ein und derselben Pflanze. Indem er sie ver­folgte, wurde er zum Begründer der verglei­chenden Morphologie.

Wenn wir uns also mit Pflanzen beschäftigen, kann es unser Pflanzenverständnis ungemein fördern, wenn wir uns nicht nur auf die bewusst materialistische und anti-metaphysische Wissenschaftsge­sinnung stützen, sondern wieder eine ganzheitlich wahrnehmende und vor den Objekten in Ehrfurcht stehende Perspektive einnehmen.

Was ist das Wesen einer Pflanze?

Interessant wird es, wenn wir uns darauf einlassen, den zugrundeliegenden Charakterzug einer jeden Pflanze zu ergründen. Was macht ihr eigentliches Wesen aus? Wie wirkt sie auf den Betrachtenden? Was ist ihre natürliche Funktion im ursprünglichen Lebensraum?

Wenn wir einmal diese Betrachtungsweise einnehmen, eröffnen sich ganz neue Welten. Es ergeben sich Erkenntnisse, die in keinen Büchern stehen. Und wir betrachten Pflanzen mit ganz anderen Augen. Praktisch angewendet, entsteht so die Möglichkeit, eine in sich stimmige und pflanzensoziologisch sinnvolle Pflanzenverwendung zu nutzen. Wenn wir solche Gemeinschaften dann über die Zeit beobachten und immer wieder neu dazu lernen, ergeben sich weitere spannende Einsichten.

Grundlegendes in der Pflanzenwelt haben wir immer noch nicht verstanden. Aber wir meinen, viel darüber zu wissen. Auch bezüglich Pflanzenverwendung im Garten gibt es ganz viele etablierte Ansichten, die einer Überprüfung bedürfen.

Pflanzen sind letztendlich lebendige Wesen, die ihren eigenen «Kopf» haben. Wenn wir uns damit auseinandersetzen und uns von starren Mustern und Zuteilungen lösen, wird unser Pflanzenverständnis ungemein gefördert und wir erleben die eine oder andere Überraschung. Wir sollten uns grundsätzlich mehr auf diese Lebendigkeit einlassen und uns von Mensch zu Pflanze begegnen.

Wenn du also das nächste Mal in deinem Garten bist, verweile ein bisschen vor einer bestimmten Pflanze. Lasse dich auf diese Begegnung ein. Sie kann dir spannende Einsichten vermitteln.

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Isabelle Blum

Isabelle Blum

Ausgebildete Umweltnaturwissenschaftlerin ETH und autodidaktische Gärtnerin mit einer grossen Liebe zur Natur, ihrer Vielfalt und Eigensinnigkeit

6 Comments

  1. Liebe Isabel, ich finde diesen Beitrag ganz wunderbar. Ganz ganz herzlichen Dank für den Spannenden link zu Goethe`s: „Versuch die Maethamorphose einer Pflanze zu erklären“. Sooo spannend! Ich finde es immer wieder interessant mal im Kontext der Systeme (Ordnungen, Geschichte) zu denken und mich dann wieder davon zu befreien und mich auf die unmittelbare Wahrnehmung und Erfahrung einzulassen. „Das Wesen der Pflanzen“ ist auch ein Thema, welches wir in der Empowerment for Life Wildkräuterschule in Form eines Fachbereichs aufgegriffen haben. Vielleicht magst du, (mögt ihr) auch mal da rein schauen: https://www.wildkraeuterschule.ch/2wesenderpflanzen
    Ganz herzliche Grüsse und herzlichen Dank für dein tolles Engagement!
    Stefanie
    EMPOWERMENT for Life
    http://www.wildkraeuterschule.ch

    • salu Stefanie, vielen lieben Dank für deine Rückmeldung. Ja, der Goethe war schon einer … Ah, dieser Fachbereich tönt interessant und macht natürlich total Sinn. Dir auch viel Kraft, Inspiration und Unterstützung für dein Wirken.

  2. Liebe Isabelle, wieder einmal mehr ein schön geschriebener Text und vor allem eine gute Idee, den menschlichen Drang alles zu klassifizieren und zu bewerten mal zu hinterfragen. Ich merke das schon auf meinem Balkon, dass sich da nicht jedes Pflänzchen an Blühzeitpunkt oder andere Regeln hält. Besonders habe ich mich ab einem Lein gefreut, der monatelang immer wieder Samen und gleichzeitig Blüten hatte und einfach nicht ableben wollte 🙂 Hat sich den Topf mit einer Malve geteilt. Ob das empfohlen wird oder nicht weiss ich nicht, bei mir haben die sich wohl gefühlt als Gemeinschaft.

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